Gruppen als Akteure: Replik

Mein Beitrag zu Gruppenakteuren (siehe hier) hat folgende Replik auf Twitter erhalten:

@Eule_Geheule: Kurz ausgeführt.

twitter Kommentar

Zuerst ist mir nicht klar ob interagierende Staate eine neue Systemebene bilden. Ich bin mir dessen nicht sicher, weil in der Soziologie üblicherweise sowohl ein Individuum für sich auch zwei interagierende Individuen als Mikro-Phänomene gelten und nicht als Meso- oder Makro-Phänomene. Die Aufteilung in Systemebenen wird in den soziologischen Debatten allerdings unterschiedlich vorgenommen, so dass ich mich vorerst gar nicht festlegen will.

Aber diese Frage  nach der Systemebene kann bei Seite gelassen werden. Der Fall ist folgender (Ich vereinfache hier gegenüber meinem Beispiel im ursprünglichen Text): Ein Gruppenakteur (z.B. ein Staat) handelt und sein Handeln wird durch seine mentalen Zustände erklärt. Ich behaupte, dass dies eine akzeptable kausale Erklärung ist, die auf der Ebene eines Gruppenakteurs (und seiner mentalen Zustände) bleibt. Wenn ich in die Küche gehe ist eine akzeptable Erklärung, dass ich eine Absicht habe meinen Hunger zu stillen.

Was ist gegen solche Erklärungen einzuwenden? Ich möchte besonders einen Satz des obigen Kommentars hervorheben:

Ich sehe kein Ursache-Wirkung-Verknüpfung, keinen Mechanismus.

Meines Erachtens liegt diesem Satz die Annahme zu Grunde, dass alle Kausalenverknüpfungen auf Mechanismen basieren. Diese Annahme ist nicht absurd, aber kontrovers. Nach der Kausalitätsanalyse von David Lewis etwa muss für eine kausale Verknüpfung kein Mechanismus vorliegen, sondern nur ein bestimmtes kontrafaktisches Konditional erfüllt sein. Die Wahrheit eines solchen Konditionals ist für das von mir skizzierten Beispiel plausibel. Ich möchte mich hier auch nicht auf Lewis’ Kausalitätsanalyse festlegen, sondern lediglich aufzeigen, dass die Position des Kommentators nicht offensichtlich ist. Sie wird im Kommentar nicht weiter argumentiert, weswegen ich unüberzeugt bleibe. Damit fällt jedoch der Einwand.

Was ist zum Vorwurf zusagen, dass die Verbindung dann rein definitorisch wird? Dass der Vorwurf falsch ist. Die Absicht kann nicht definitorisch identisch sein mit dem erklärten Handeln, denn es gibt Absichten die nicht realisiert werden. Ich habe die Absicht in die Küche zu gehen, um meinen Hunger zu stillen, werde aber vom Blitz getroffen, bevor ich auch nur versuche diese Absicht zu realisieren. Ich hatte dennoch die Absicht, was bedeutet, dass sie nicht einfach identisch mit dem Handlungsversuch ist. Analoges kann für einen Staat gelten. – Womöglich verstehe ich den Vorwurf falsch. In diesem Fall bitte ich um Erläuterung!

Dass sich mit dem colemanschen Schema häufig fruchtbar arbeiten lässt, will ich im Übrigen gar nicht bestreiten. Ist die Fruchtbarkeit der Regelfall? Das wird sich erst am Ende aller Soziologie mit Sicherheit sagen lassen. Was ich in diesem Teil meines Textes argumentativ zu stärken suche, ist lediglich die Legitimität anderer Erklärungsstrategien.

 

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2 thoughts on “Gruppen als Akteure: Replik”

  1. „Ein Gruppenakteur (z.B. ein Staat) handelt und sein Handeln wird durch seine mentalen Zustände erklärt. Ich behaupte, dass dies eine akzeptable kausale Erklärung ist, die auf der Ebene eines Gruppenakteurs (und seiner mentalen Zustände) bleibt. Wenn ich in die Küche gehe ist eine akzeptable Erklärung, dass ich eine Absicht habe meinen Hunger zu stillen.“
    Unabhängig davon, ob solch eine Erklärung die formalen Kriterien einer bestimmten Definition von „Erklärung“ erfüllt, ist sie nicht besonders gehaltvoll. Ein wissenschaftlicher Artikel der zeigt, dass Staaten, auf welche die vier von Ihnen genannten Prämissen zutreffen, irgendein Verhalten zeigen werden, um die angenommenen Gefahren abzuwehren, wird wegen seiner Trivialität auf wenig Interesse stoßen. Ein Artikel, welcher zeigen kann, wie bestimmte politische Systeme die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass solche Überzeugungen entstehen, dagegen schon eher. Colemans methodologische Vorschläge zielen vornehmlich darauf ab, Erklärungen mit hohem empirischen Informationsgehalt zu formulieren.
    Darüber hinaus ist eine Handlungsintention ist noch nicht hinreichend, um die tatsächliche Handlung zu erklären. Akteure müssen auch in der Lage sein, die Handlung auszuführen. Ich würde eine solche Erklärung unvollständig nennen. Da in den meisten soziologischen interessanten Situationen die Möglichkeit der Ausführung einer Handlung vom Handeln anderer Akteure abhängig ist, wird die Unterscheidung in das, was Coleman unter System- und Mikroebene versteht, abermals relevant. Auch ein Staat muss neben der Absicht auch die Möglichkeiten haben, angenommene Gefahren abzuwehren, d.h. die Erklärung der konkreten Mittelwahl wird ein strategisches Element enthalten. Wenn man der umfangreichen Anwendung von Spieltheorie auf zwischenstaatliche Konflikte erinnert, wird die Relevanz der Unterscheidung deutlich: Akteure (Staaten) handeln auf der Mikroebene (des Bezugssystems!) und daraus resultiert das Makro-Ergebnis auf der Systemebene (das entsprechende (Nash- oder sonstwie)Gleichgewicht wie ein Krieg, ein diplomatischer Gipfel etc.).
    Mein Problem mit Ihrer Kritik an Coleman (und den „reflektierten“ Methodologischen Individualisten allgemein) ist daher, dass diese Ihnen eigentlich zustimmen. Das wird deutlich, wenn man Colemans Beschreibung eines korporativen Akteurs aus „Foundations of Social Theory“ zitiert:
    “The concept of corporation sole makes it clearer that a corporation does not need a set of persons standing behind it, that it is not merely a representation of persons. The essence of the concept of the corporate actor lies in the existence of a separate set of rights and responsibilities and a set of resources and interests, which can neither be allocated to a single physical person nor be allocated among a set of persons. “
    Die Entstehung von emergenten Phänomenen wie korporativen Akteuren kann (und sollte?) dann freilich wieder Bezug nehmen auf das Handeln von Individuen. (Die Modellierung von komplexen Entscheidungsprozessen und dergleichen nimmt in der Social-Choice-Literatur genügend Raum ein.)
    Die vermeintliche Widerspruch zu Ihrer Position entsteht lediglich dadurch, dass Sie Missverstehen, was System- bzw. Makroebene bei Coleman bedeutet („The system behavior, the macro level in the terminology of this book, sometimes is appropriately conceived as being merely the behavior of a system of actors whose actions are interdependent.”). Er grenzt damit den Bereich soziologisch relevanter Phänomene ein. Seine weiteren metatheoretischen Vorschriften zielen darauf ab, innerhalb dieses Phänomenbereiches möglichst empirisch gehaltvolle Theorien aufzustellen, die über “Akteur X tut, weil Akteur X tun möchte” hinausgehen. Die involvieren die Interdependenz von Akteuren und deshalb immer eine Systemeben, selbst wenn die Akteure selbst bereits mehr als Individuen sind (Staaten, Firmen etc.).

    Zur Kausalität: Kausalität kann ohne „Mechanismus“ vorliegen. Als ökonometrisch geschulter Soziologe kenne ich „formale“ kontrafaktische Kausalitätsdefinitionen sehr gut. Diese sind sicherlich nützlich beim statistischen Nachweis von kausalen Zusammenhängen. Ich kann durch ein Experiment recht sicher nachweisen, dass ein bestimmter Stimulus eine bestimmte Reaktion hervorruft. Allerdings ist der Nachweis eines Kausalzusammenhanges noch keine Erklärung. Das meine ich mit „Mechanismus“ (ohne Bezug auf die Ausführungen bestimmter Theoretiker „mechanismischer“ Erklärungen).
    Mit Bezug auf ihr Beispiel war allerdings eher gemeint, dass ihre Erklärung zu informationsarm ist (ich schrieb „definitorischer Charakter“), was ich oben bereits ausgeführt habe.

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    1. Ich gestehe zu, dass mein Beispiel für eine Erklärung nicht sonderlich interessant ist. Der Zweck des Beispiels ist lediglich aufzuzeigen, dass Erklärungen dieses Types möglich sind. Um interessante Exemplare dieses Erklärungstypes zu finden, muss vermutlich die empirische Forschung bemüht werden. Aber das wenig interessante Beispiel zeigt auf, dass es Sinn macht nach solchen interessanteren Exemplaren Ausschau zu halten.

      Ich würde behaupten, dass der Nachweis eines Kausalzusammenhanges sehr wohl eine Erklärung ist. Wenn ich nachweise, dass zwischen der Ereignissen A und B eine Kausalrelation besteht, habe ich B kausal erklärt. Vielleicht haben Sie einen umfassenderen Sinn von Erklärung vor Augen, aber dann würde ich bezweifeln, dass wir überhaupt irgendwelche Erklärungen besitzen, insbesondere in den Sozialwissenschaften. (Die andere Möglichkeit wäre, dass Sie nur konstiutive Erklärungen als Erklärungen zulassen, aber auch das erscheint mir unplausibel.)

      Sie schreiben:

      Darüber hinaus ist eine Handlungsintention ist noch nicht hinreichend, um die tatsächliche Handlung zu erklären. Akteure müssen auch in der Lage sein, die Handlung auszuführen. Ich würde eine solche Erklärung unvollständig nennen.

      Sie verwenden den Begriff “Erklärung” in einer zu ambitionierten Weise. Mein Hunger erklärt, warum ich die Küche aufsuche. Sicherlich, Sie können darüber hinaus darauf hinweisen, dass ich Beine brauche, die Küchentür aufgeschlossen sein muss, ich nicht glaube, dass sich in der Küche versteckt und so weiter. Zu verlangen, dass ich all dies erwähne ist aber unplausible. Dass ich Hunger habe, ist eine gute Erklärung warum in die Küche gehe. Vielleicht ist sie unvollständig in einem Sinne, aber das erscheint nebensächlich weil praktisch alle soziologischen Erklärungen unvollständig sein werden.

      Dass in einem umfassenden sozialwissenschaftlichen Projekt, einem Projekt, das ein soziales Phänomen wie Krieg in seiner Gänze durchleuchten, auch die Mikroebene zu beachten ist, erscheint mir plausibel. Aber Erklärungen sind nicht daran gebunden stets in einem solch umfassenden Projekt stattzufinden.

      Die andere Thematik, die Sie in Ihrem Kommentar aufmachen, ist jene der Systemebene. Um die Verbindung zum Thema der Erklärung zu ziehen: Ich behaupte, dass Erklärungen auf einer Ebene bleiben können. Kausalerklärungen bleiben (typischerweise) auf einer Ebene. Mir erscheint Sie wollen Erklärungen stets über mehrere Ebenen reichen sehen und das erscheint mir keine notwendige Bedingung für eine interessante, gehaltvolle Erklärung zu sein.
      Aber was mir schwerer fällt ist nachzuvollziehen, welche Rolle Systemebenen in Ihrer Interpretation Colemans spielen. Ein Zitat von Ihnen:

      Er grenzt damit den Bereich soziologisch relevanter Phänomene ein

      Ist Ihre These, dass alle sozialen Phänomene, oder zumindest alle soziologischen Phänomene, auf einer ontologischen Ebene existieren? Ich bin davon alles andere als überzeugt. Eine triviale Behauptung ist es jedenfalls nicht und ich würde zumindest gerne mehr wissen. Gibt es nur eine Systemebene innerhalb der Soziologie? Gibt es mehrere und wenn ja wie viele? Sind diese Ebenen pragmatische Konstruktionen für den Gebrauch der Sozialwissenschaften oder ontologisch robust?
      Vielleicht können Sie mir eine Definition von “Systemeebene” geben und meine Interpretation Ihres Kommentars bestätigen oder korrigieren?

      Nebenbei: Ich diskutiere nicht Emergenz, da mir dieses Konzept wenig hilfreich erscheint. Aber das wäre eine weitere Debatte.

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